Zwischen Resignation und Selbstverwirklichung – Neue Beschäftigungsformen in Wien

Typologie atypisch Beschäftigter in Wien

Neue Selbstständigkeit, Prekariat, Working Poor – diese Schlagworte beschreiben die Folgen der Liberalisierung des Arbeitsmarktes, die die Anzahl der Menschen ohne feste Anstellung stark anwachsen lässt. Zu den neuen Beschäftigungsformen zählen geringfügige Beschäftigung, Teilzeit, freie Dienstverhältnisse, Arbeitskräfteüberlassung bzw. Zeitarbeit und die Neue Selbstständigkeit. Empirisch gesicherte quantitative und vor allem tiefer gehende qualitative Daten zu diesen Erwerbsformen fehlten bisher. Mit der im Oktober 2007 publizierten, von L&R Sozialforschung, SORA und abif durchgeführten Studie „Zufriedenheit, Einkommenssituation und Berufsperspektiven bei Neuen Erwerbsformen in Wien“ im Auftrag Stadt Wien (MA 27) und des waff wird diese Lücke gefüllt. Neben detaillierten Angaben zur quantitativen Verbreitung der Neuen Erwerbsformen wurden soziodemographische Merkmale, Arbeitsmarktlagen, Arbeitsplatzdynamiken, Branchen und Wirtschaftsbereiche, biographische Verläufe, Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbelastungen untersucht, sowie eine Typologie der Beschäftigten erarbeitet. Es zeigt sich dass die Gruppe der neuen Erwerbsformen sehr heterogen ist und enorme Unterschiede aufweist, was Einkommen und Zufriedenheit angeht.

Hauptergebnis der Studie

2005 gingen in Wien bereits rund 146.021 Personen (31% Frauen, 69% Männer) einer neuen Beschäftigungsform nach. Rund 20% der Personen in Neuen Erwerbsformen haben Probleme, mit ihrem Einkommen den Lebensunterhalt zu bestreiten und sind somit prekär beschäftigt. Von den Vollzeitbeschäftigten sind es nur 7%, die von ihrem Einkommen mehr schlecht als recht leben können.

Prsonen in neuen Beschäftigungsformen – Eine Typologie

Etwa ein Drittel der in neuen Beschäftigungsformen erwerbstätigen Personen zählt zu den in finanzieller und arbeitsrechtlicher Hinsicht Gefährdeten oder Resignativen. Charakteristisch für diese Gruppen sind ein geringes Ausbildungsniveau, wenig Aufstiegschancen, häufige Arbeitslosigkeit und hohe Unzufriedenheit.

Ein weiteres Drittel zählt zu den Personen, denen berufliche Selbstverwirklichung wichtiger ist als die eigene existentielle Absicherung beziehungsweise zu den Privilegierten, die sowohl mit dem Inhalt als auch den Arbeitsbedingungen, also dem Verdienst und der rechtlichen Absicherung zufrieden sind. Für diese beiden Gruppen sind vor allem ein höherem Bildungsniveau, mehr berufliche Wahlmöglichkeiten und bessere Aufstiegsmöglichkeiten charakteristisch.

Ein weiteres Drittel zählt zu den Übergangsorientierten, also denjenigen, die ihre Arbeit als vorübergehenden Zustand sehen, den sie freiwillig gewählt haben, um anderen Verpflichtungen (etwa Ausbildung oder Kinderbetreuung) besser nachgehen zu können.

Verteilung dieser Gruppen auf die neuen Beschäftigungsformen

Unter den sogenannten ZeitarbeiterInnen ist der Anteil der Resignativen und Gefährdeten mit 59% am höchsten. Rund 91% der Unternehmen, die ZeitarbeiterInnen beschäftigen, bilden diese nicht weiter. Neben einer geringeren betrieblichen Integration, ist für diese Gruppe eine prekäre Erwerbsbiographie mit häufigen Phasen der Arbeitslosigkeit typisch.

Am anderen Ende der sozialen Skala stehen Neue Selbständige und Ein-Personen-Unternehmen. Unter ihnen ist der Anteil der Privilegierten und SelbstverwirklicherInnen mit insgesamt 69% am höchsten. Sie haben die besseren Chancen, mehr zu verdienen, wählen ihre Arbeit häufig, um sich selbst zu verwirklichen und genießen die flexiblen zeitlichen und räumlichen Rahmenbedingungen in ihrem Job.

Unter freien DienstnehmerInnen ist die Gruppe der Privilegierten und SelbstverwirklicherInnen immerhin noch mit 54% vertreten. Unter Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten sind am häufigsten Übergangsorientierte (34%) zu finden, die sich zu einem großen Teil aus Frauen mit Kinderbetreuungspflichten zusammensetzen.

Neue Beschäftigungsformen aus Sicht der Unternehmen

Von den befragten Unternehmen ist der Großteil davon überzeugt, dass neue Beschäftigungsformen für beide Seiten Vorteile haben. Es sei von Vorteil, wenn im Rahmen eines Werkvertrags der Auftraggeber das gewünschte Endprodukt genau definieren muss oder wenn ein Job jenseits der klassischen Vollzeitbeschäftigung mit Kinderbetreuungspflichten oder Studium zeitlich besser vereinbar ist. Von den befragten Personalverantwortlichen lehnten alle den Einsatz neuer Beschäftigungsformen dann ab, wenn es dem Unternehmen nur darum geht, Geld zu sparen.

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